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Wissenschaftliche Begleitung von "Settings mit besonderen Interventionsformen" im Verbandsgebiet des Evangelischen Fachverbands für Erziehungshilfen in Westfalen-Lippe (Eckart)
Auftraggeber
Evangelischer Fachverband
für Erziehungshilfen in Westfalen-
Lippe (Eckart).
Aufgabe
Der Fachverband machte allen
Einrichtungen, die Settings mit Formen
geschlossener Unterbringung oder anderen
Zwangselementen etablieren wollten,
die Teilnahme an einer wissenschaftlichen
Begleitung zur Auflage. Dies wurde von
allen interessierten Einrichtungen sehr
gern angenommen. Das Landesjugendamt
Westfalen-Lippe erteilte jedoch keine Betriebsgenehmigung
für Gruppen mit "individuell
geschlossenen Plätzen". Deshalb
gingen die drei Einrichtungen dazu über
ihre Settings mit "besonderen Interventionsformen"
unterhalb der Schwelle von
geschlossener Unterbringung auszustatten.
Diese besonderen Interventionsformen
sind: Ein "Auszeitraum" für eskalierende
Kinder in zwei Einrichtungen; ein
verpflichtendes Punkte- und Stufenprogramm,
das den Zugang zu Privilegien in
einer Einrichtung regelt; begrenzte
Schließzeiten für drei Zeiträume am Tag in
zwei Einrichtungen; ein Platz für "nächtlichen
Einschluss" in einer Einrichtung. Die
"Wissenschaftliche Begleitung" sollte einerseits
die Konzeptionsentwicklung vor
Ort unterstützen helfen, andererseits auch
durch regelmäßige Beobachtungen und die Formulierung von Rückmeldungen die Projektzeitraums sollten Aussagen über Nebenwirkungen dieser Projekte formuliert werden.
Vorgehen/Methode:
Regelmäßige „teilnehmende Beobachtung“ vor Ort wurde kombiniert mit Aktenanalysen und Befragungen der Kinder, Mitarbeiter und Eltern. Mit Hilfe von Video-Feedback wurden Mitarbeiter angeleitet zentrale Settingelemente einzuüben. In gemeinsamen Projekttagen wurden sowohl Praxis-Leitfäden als auch QM-Richtlinien und Dokumentationsverfahren erstellt.
Ausgewählte Ergebnisse:
Bei allen Ergebnissen ist zu bedenken, dass es sich um kleine Fallzahlen handelt, auf die wir unsere Aussagen stützen. Insgesamt wurde von uns in den zwei Jahren die Entwicklung von 38 Kindern und Jugendlichen in Ausschnitten verfolgt.
- Auszeiträume sind für Kinder geeignet, die immer wieder in Hocherregungszustände geraten, wenn dabei bestimmte Fachrichtlinien beachtet werden.
Bei den Befragungen zeigten die Kinder in beiden Einrichtungen keine Anzeichen von Angst oder Verunsicherung in Bezug auf
den Auszeitraum. Im Gegenteil: Sowohl die Kinder, die den Raum „am eigenen Leib“ erlebt hatten, als auch die
Kinder, die die Verbringung anderer Kinder in diesen Raum beobachtet hatten, standenihm überwiegend positiv
gegenüber. Einige der Kinder lernten den Raum für sich zu nutzen und suchten ihn freiwillig oder nach
mündlicher Aufforderung auf. Klare Auflagen Seitens des Landesjugendamtes bezogen auf Konzeptqualität
und Dokumentation sowie die Begleitung der Auszeitraum-Nutzungen durch Vorgesetzte vor Ort sind unbedingt
erforderlich und werden auch von den Einrichtungsmitarbeitern als eine sehr hilfreiche Form der Kontrolle
erlebt. Bezogen auf den Status der Raumnutzung (Freiheitsentzug oder Freiheitsbeschränkung) und insofern
auch auf die Einbeziehung von Familienrichtern konnte rechtlich keine eindeutige Einordnung getroffen werden
(Freiheitsbeschränkung oder Freiheitsentzug oder keines von beiden). Zum Teil lehnten Familienrichter
ihre Zuständigkeit für die Auszeitprozedur ab und erklärten diese zu einer pädagogischen
Maßnahme in Verantwortung der Einrichtung und des Jugendamtes bzw. der Eltern. Offensichtlich müssen
für rechtliche Fragen jeweils Lösungen zwischen einzelnen Einrichtungen und einzelnen Landesjugendämtern
gefunden werden.
- Punkteprogramme, die den Jugendlichen je nach Leistung und Mitarbeit
bestimmte Privilegien-Stufen zuordnen, können für etwa die Hälfte der mittelfristig
untergebrachten Jugendlichen als entwicklungsförderlich angesehen werden. Der individuelle
Punkte- bzw. Stufenverlauf dieser Jugendlichen weist eindeutig auf eine positive Tendenz hin. Sie
stabilisieren sich mit Hilfe des Punkteprogramms, häufig das erste Mal seit Jahren. Die andere
Hälfte der Jugendlichen lässt sich nicht auf das Punktesystem ein oder arbeitet nur mit geringem
Erfolg daran mit.
- Fallverstehen als Basis für die Entwicklung eines adäquaten Erziehungshilfesettings
fand bei den von uns begleiteten Fällen in den Jugendämtern kaum und auch in den Einrichtungen zu
wenig statt. Vor allem in Bezug auf die Frage, für welche Kinder und Jugendlichen Zwangselemente
hilfreich und für welche eher kontraproduktiv sein können, gibt es kaum gemeinsame Ansätze
zur Reflexion und Verständigung. Die Zuweisung erfolgt unter Handlungsdruck und ohne hinreichende
Analyse des letzten Abbruchs.
- Nächtlicher Einschluss kann ein Settingelement darstellen, das es einer Einrichtung
erlaubt sich auf ein nächtlich agierendes Kind einzulassen (Zündeln, sexuelle Übergriffe etc.).
Der Übergang zu weniger kontrollierten Formen gelingt (nur noch Bewegungsmelder als Kontrolle). Der
weitere Erfolg wird aber durch die pädagogische Arbeit am Tage erreicht oder verfehlt.
- Keines der drei Gruppen konnte sich im Untersuchungszeitraum als ein spezifisches Systemsprenger-Projekt
ausweisen. Dazu waren die Abbruchquoten in zwei Einrichtungen zu hoch (um die 30 %) und in
einem Fall die Zielgruppe zu wenig spezifisch. Anders: Die Projekte konnten sich nur zum Teil als „haltende
Settings“ über mehrere Jahre und mehrere Krisen hinweg etablieren. Die Hauptschwierigkeiten, die zu
Abbruch, Verlegung oder Psychiatrieaufenthalt führten, waren „Gewalt“ und „Drogenkonsum“.
Man sollte allerdings berücksichtigen, dass neue Konzeptionen zu ihrer Etablierung mindestens drei Jahre
benötigen.
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Projektzeitraum:
Juni 2003 - Juli 2006
Durchführung:
Prof. Dr. Mathias Schwabe
Thomas Evers
David Vust
Veröffentlichung:
Schwabe, M., Evers, Th., Vust, D.: Wie
erfolgreich arbeiten Settings für
Systemsprenger mit Elementen von
Zwang in sozialpädagogischer Absicht?
In: "Evangelische Jugendhilfe" Heft
3/2005, S. 159-169
Die Zwischenberichte können über
Frau Wegehaupt-Schlund vom
Fachverband Eckart bezogen werden.
Kontakt: wegehaupt-schlund@dw-westfalen.de
Buchveröffentlichung 2007: Mathias Schwabe, Zwang in der Heimerziehung: Chancen und Risiken, Reinhardt-Verlag. Es ist hier erhältlich. |
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