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Praxisforschung "Integrierte Bildungs- und Förderplanung bei Schulverweigerung"

Auftraggeber

Deutsche Bank Stiftung, Deutsche Kinder- und Jugendstiftung, Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge

Aufgabe

Von 2002 bis 2005 wurde im Praxisforschungs- und Praxisentwicklungsprojekt „Coole Schule“, welches durch den Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge durchgeführt wurde, an fünf Modellstandorten untersucht, wie schuldistanzierte Jugendliche durch verzahnte schul- und sozialpädagogische Bildungs- und Förderkonzepte neue Lernmotivation und soziale Stabilisierung  erlangen können. In diesem Kontext entwickelte der Projektträger verschiedene potentiell verallgemeinerbare Verfahren zur Unterstützung der Professionellen (und damit mittelbar der Jugendlichen). Im Rahmen des von der Begleitungszentrale in Frankfurt ausgegliederten Teilauftrags an das Berliner Forscherteam sollte der tatsächliche Einsatz des Instrumentenkoffers „Individuelle Bildungs- und Entwicklungsförderung“ an den Standorten evaluiert werden, um Konsequenzen für die potentielle Verwendung in der breiten Regelpraxis ziehen zu können. Die Ergebnisse wurden in einem Forschungsbericht sowie in einer 90 Seiten umfassenden Arbeitshilfe für Sozialpädagogen und Lehrkräfte aufbereitet.

Vorgehen/Methode:

An allen Standorten wurde eine Standardversion des von der Frankfurter Projektleitung entwickelten Instrumentes „Bildungs- und Förderplanung“ eingesetzt, das die strukturierte Erhebung von psychosozialen und schulischen Ausgangslagen und die fallgenaue Planung von Bildungs- und Bewältigungshilfen strukturieren sollte. Die Untersuchung basiert auf 14 Fragebögen, die von Projektmitarbeiter an fünf Standorten  ausgefüllt wurden. Acht der 14 Befragten waren im Projekt als sozialpädagogische Fachkräfte, sechs als Lehrkräfte tätig. In die Auswertung wurden zwei Expertengespräche einbezogen, die mit den Projektteams an zwei Standorten geführt wurden.

Folgende Themen und damit korrespondierende Praxisinstrumente für den pädagogischen Alltag wurden unter dem Aspekt der Nützlichkeitsreflexion untersucht:

  • Informationserhebung zu Lernausgangslage, kognitiven und sozialen Ressourcen bzw. Nachholbedarfen sowie familialen Kontextbedingungen
  • Basisberichte
  • Förderpläne
  • Zusammenarbeit der Berufsgruppen im Projekt/bei der Anwendung der Instrumente
  • Zeitaufwand für diagnostische und planerische Verfahrensweisen
  • Gesamtnutzen der Arbeitshilfen

Ausgewählte Ergebnisse:

Im Vergleich zu einem nicht durch Instrumente angeleiteten Vorgehen in der regelpädagogischen Praxis wurden der Arbeitshilfe von den Befragten in vielen Bereichen günstige Effekte zugeschrieben. Deutlich betonten annähernd alle Befragten positive Auswirkungen auf das eigene pädagogische Handeln, vor allem durch die Strukturierung des Vorgehens. Als eine große Stärke stellte sich für die Projektmitarbeiter die angeforderte Ressourcenorientierung der Arbeitshilfen heraus.

Zwar hielten die Befragten keinen einzigen Erkundungsbereich für verzichtbar, dennoch wurde mehrheitlich der hohe Zeitaufwand kritisiert. Das Erstellen der Basis-berichte wurde einhellig als gewinnbringend eingeschätzt. Fast alle Befragten waren der Ansicht, dass durch die intensive Auseinandersetzung mit den einzelnen Jugendlichen ein erweitertes Bild ihrer Persönlichkeit und Lebenssituation möglich wurde, was zu modifizierten Strategien führte.

Obwohl die Projektbeteiligten beider Professionen die Erfahrungen der Zusammenarbeit resümierend positiv einschätzen, wurden anscheinend die durch die jeweils fremde Profession eingebrachten besonderen Kompetenzen nur schwach wahrgenommen. Weniger Arbeitsteilung zwischen den Professionen und eine stärkere gemeinsame Arbeit erhöhten tendenziell den Kooperationsgewinn.

In der Bilanz lag die Zufriedenheit mit der Arbeitshilfe im mittleren bis positiven  Bereich. Ein Transfer in die schulische Regelpraxis wurde zwar breit befürwortet, aber bei gleich bleibendem Arbeitsaufwand für nicht realistisch gehalten.

Hinsichtlich der Bewertung der Arbeitshilfe sowie der Projektarbeit insgesamt zeichneten sich zwischen den sozialpädagogischen Fachkräften und den Lehrkräften Unterschiede ab. Während die Lehrkräfte bei der Beantwortung der Fragen eher die Auswirkungen auf das eigene pädagogische Handeln betonten, beurteilten die sozialpädagogischen Fachkräfte ihre Erfahrungen stark anhand der beobachteten Auswirkungen auf die Schüler. Der mit der Arbeit verbundene hohe Zeit- und Arbeitsaufwand wurde von den Lehrkräften in der Tendenz stärker kritisiert, während von den sozialpädagogischen Fachkräften gleichzeitig die Einschätzung geäußert wurde, dass der hohe Aufwand sich gelohnt hatte. Die Antworten der Lehrkräfte hingegen lassen den Schluss zu, dass ihnen in hohem Maße die Schwierigkeit bewusst wurde, diese aufwändige Arbeitsform in schulischen Alltag zu übertragen.

Insgesamt weisen die Ergebnisse darauf hin, dass zwischen den beteiligten Professionen unterschiedliche Prioritätensetzungen und auch unterschiedliche Kriterien für die Zufriedenheit mit Arbeitshilfen, aber generell auch der gesamten Projektarbeit bestehen.

Weiter deuten die Antworten jener Projektteams, die stark gemeinsam und wenig arbeitsteilig vorgegangen waren, auf eine größere Zufriedenheit mit der Kooperation und den Arbeitsergebnissen hin. Vermutlich könnte durch eine Förderung der Teamkommunikation, der Akzeptanz und Wertschätzung unterschiedlicher Kompetenzen und Aufträge sowie durch eine stärkere Erarbeitung gemeinsam getragener Ziele in Startphasen sowohl die Arbeitszufriedenheit beider Professionen als auch der Projekterfolg erhöht werden.In der Folge wurde der „Instrumentenkoffer Bildungs- und Entwicklungsförderung“ differenziert fortgeschrieben (nunmehr 40 Teilinstrumente) sowie unter Anwendungs-aspekten „liberalisiert“ (Auswahlmöglichkeiten, Kurzversionen). Gebunden an Begründungs- und Implementierungsüberlegungen wurden die Praxis anleitenden „Werkzeuge“ als Arbeitshilfe in vierstelliger Auflage veröffentlicht.

Auftraggeber
Aufgabe
Vorgehen/Methode
Ausgewählte Ergebnisse
 
 
Projektzeitraum:
März 2004 – Dezember 2004

Durchführung:
Prof. Dr. Karlheinz Thimm
Katja Grieger

Veröffentlichung:
Thimm, Karlheinz: Individuelle Bildungs- und Entwicklungsförderung. Arbeitshilfen für Schule und Jugendhilfe. Berlin 2005