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Altern im südlichen Afrika

Auftraggeber

Africa University (AU), evangelisch-methodistische Hochschule in Mutare/Zimbabwe und Evangelische Fach-hochschule Berlin (EFB)

Aufgabe

Die Studie basiert auf drei Lehr- und Forschungsaufenthalten in den Jahren 2003, 2004 und 2005 an der Africa University (AU) in Mutare. Mutare liegt östlich von Harare am Fuße der Eastern Highlands in Zimbabwe. Vor drei Jahren wurde an der AU ein neuer Fachbereich „Health Sciences“ gegründet, zu dem die Studiengänge Nursing Sciences, Nursing Management und Public Health gehören. Im Rahmen des Pflichtmoduls „Pflege von älteren Menschen“ wurde die Studie konzipiert und durchgeführt.

Problemstellung

In den afrikanischen Kulturen hat ein positives Altersbild eine lange Tradition. Alte Menschen gelten als weise. Deswegen genießen sie in der Regel einen hohen Status im Kreise der Großfamilie und Gemeinschaft, der mit sozialen Rollen wie Vorsteher eines Haushaltes oder mit der Beratung und Schlichtung von Streitigkeiten einhergeht.

In den meisten afrikanischen Ländern ist ein kulturelles Gebot verankert, das die Achtung und Pflege von alten Menschen als Pflicht der Familienmitglieder vorsieht. Die Shona (80 % der zimbabwischen Bevölkerung gehören der Sprachgruppe der Shona an) tradieren sogar die Vorstellung, dass die Kinder, die ihre Eltern im Falle der Pflegebedürftigkeit in ein Heim geben, einem Fluch ausgesetzt seien.

Da aber auch Afrika von der Globalisierung nicht unberührt bleibt, verändert die zunehmende Migration von jungen Menschen in die Städte das traditionelle Senioritätsprinzip. Die Großfamilie als wichtigste Versorgungsinstanz alter Menschen ist daher zunehmend einem Auflösungsprozess ausgesetzt. Dies hat gravierende Folgen für das Generationenverhältnis. Die Mehrheit der Kinder ist nach einschlägigen Untersuchungen (Adamchak & Wilson 1999) nicht mehr in der Lage, ihre Eltern finanziell zu unterstützen, wie auch die Großfamilie als wichtigste Versorgungsinstanz an Bedeutung verliert. So sind, aufgrund der Tatsache, dass die Mehrheit der älteren Menschen in afrikanischen Ländern keine Renten bezieht – ein sozialstaatliches Rentensystem existiert nicht – immer mehr ältere Menschen der Verarmung ausgeliefert.

In Zimbabwe gibt es bisher 71 Pflegeheime. Der Bedarf von außerfamiliärer Unterstützung für die Pflege von älteren Menschen wird in der Zukunft noch weiter zunehmen. Zu berücksichtigen ist in diesem Zusammenhang, dass die stationären Alten- und Pflegeeinrichtungen bei den Shona und Ndebele als „Armenpflege“ verstanden werden

Insofern wird diese Lebensform im Alter nur von der weißen englischsprachigen Minderheit (1 % der Bevölkerung) als echte Alternative ins Auge gefasst. Folglich gelten solche Einrichtungen als „unafrikanisch“ und damit auf den sog. westlichen Werten von Individualismus und Kleinfamilie basierend. Bewohner und Angehörige, die sich für eine stationäre Alten- und Pflegeeinrichtung entschieden haben, sind nicht selten einer Stigmatisierung ausgesetzt.

Vorgehen/Methode:

Es wurden elf repräsentative Altenpflegeeinrichtungen in Zimbabwe evaluiert. In diesem Zusammenhang haben 25 qualitative Interviews mit Bewohnern der Einrichtungen im Alter zwischen 60 und 98 Jahren stattgefunden.

Darüber hinaus wurden elf Experten des Gesundheitswesens zu der Lebenssituation von alten Menschen in Alten- und Pflegeeinrichtungen in Zimbabwe interviewt. Die Interviews wurden in Kooperation mit den Studenten und Kollegen des Fachbereichs Gesundheit der Africa University ausgeführt.

Ausgewählte Ergebnisse:

Neue Zielgruppen in der Pflege

Die demographische Zunahme von älteren Menschen, deren schlechte wirtschaftliche Lage sowie die Veränderung der Großfamilie durch die Auswirkungen der HIV/Aids Epidemie tragen zu einer hohen Vulnerabilität der Gruppe der älteren Menschen bei. Folgende vier Risikogruppen konnten identifiziert werden:

  • Alleinstehende ältere Menschen, deren Kinder gestorben sind und die sich zuständig sehen für die Erziehung und Versorgung der verwaisten Enkelkinder. Hinzu kommt in der Regel eine ungenügende finanzielle Absicherung.

  • Ältere Frauen, die verwitwet oder allein stehend sind und auf dem Land leben.
    Verwitweten Frauen wird häufig nach dem Tod ihres Ehemanns von der Familie des verstorbenen Mannes die zur Lebenserhaltung wichtige Landparzelle entzogen. Darin liegt ein weiteres Risiko zur Verarmung begründet.

  • Aufgrund der vergangenen oder anhaltenden Bürgerkriege in den Nachbarländern Angola, Mozambique und Kongo leben immer mehr alternde Söldner oder Kriegsflüchtlinge in Zimbabwe.

  • Insbesondere sind behinderte Menschen von Hunger und Isolation bedroht.

Stationäre Alten- und Pflegeeinrichtungen: Strukturelle Wende in der Altenpolitik?

Die Bewohnerstruktur der elf evaluierten Alten- und Pflegeeinrichtungen stellt sich folgendermaßen dar: Das Durchschnittsalter liegt bei 70 Jahren. Im Vergleich zu den bundesdeutschen Einrichtungen leben aufgrund des hohen Anteils von Söldnern und Kriegsflüchtlingen mehr Männer als Frauen in den Einrichtungen. Die häufigsten Krankheitsbilder sind Diabetes Mellitus, Bluthochdruck, Malaria, Demenz und psychische Erkrankungen. Legt man die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ (Die Charta der Vereinten Nationen 1967) mit dem „Anspruch auf Gesundheit, Wohlbefinden, Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Fürsorge und der notwendigen Leistungen auf soziale Fürsorge“ ;(Artikel 25) und dem „Recht am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen“ (Artikel 27) der Evaluation zugrunde, so kann festgestellt werden, dass diese Rechte mehrheitlich vorenthalten werden.


Der Großteil der Bewohner von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Zimbabwe lebt unterhalb der Armutsgrenze, da sie von dem Finanzierungsnotstand der Regierung in Harare und der fehlenden ausländischen Unterstützung in besonderem Maße betroffen sind. Wichtige Grundrechte wie der Erhalt von Nahrung, Kleidung, medizinisch-pflegerische Versorgung und das Recht auf kulturelle Teilhabe werden seitens der staatlichen Trägerschaft verletzt.

Besonders problematisch ist die Versorgung der Einrichtungen auf dem Lande. Regelmäßige Mahlzeiten haben Seltenheitswert. Die Bewohner äußern sich über Erschöpfungszustände und leiden an einem dauernden Hungergefühl. Unterstützung bei der Nahrungsbeschaffung und der Essenszubereitung bleibt dem Engagement von ehrenamtlichen Helfern im Dorf überlassen. Die meisten älteren Menschen verfügen nur noch über abgetragene, häufig auch nicht ausreichend wärmende Kleidungsstücke. Die medizinische und pflegerische Versorgung in Notfällen ist keineswegs gesichert und hängt ganz von den Möglichkeiten der ehrenamtlichen Helfer ab. Soziale und kulturelle Angebote sind eher eine Ausnahme.

Da die Mehrheit der Zimbabwer unterhalb der Armutsgrenze lebt, fügt sich die Lebenssituation älterer Menschen im Kontext der institutionellen Pflege in das Gesamtbild ein. Über die neuen Risikogruppen wie die der älteren Menschen wird jedoch in der Öffentlichkeit kaum diskutiert. Die Fürsorge alter Menschen bleibt überwiegend den Familien überlassen. Insofern kommen auch Länder in Afrika nicht um eine Entmythologisierung der Großfamilie herum.

Ob die von der „African Gerontological Society“ geforderte strukturelle Wende durch die Einführung einer staatlichen Rentenkasse und Pflegeversicherung in abseh-barer Zeit realisierbar ist, wird die Zukunft zeigen, was wohl eine allgemeine politische Wende zur Voraussetzung hätte. Auch ein Bewusstseinswandel hinsichtlich der prekären Lebenssituationen von älteren Menschen und die Anerkennung und Förderung von stationären Alten- und Pflegeeinrichtungen ist unabdingbar für eine altengerechte Zukunft (nicht nur) in diesem Land.

Das ambulante Pflegesystem, das aus finanziellen Gründen nicht mehr funktions-fähig ist, muss ausgebaut und finanziell besser abgesichert werden, damit ältere Menschen so lange wie möglich in ihrer Häuslichkeit verweilen können. Entwicklungspartnerschaften zwischen Pflege-einrichtungen im südlichen Afrika oder mit europäischen Einrichtungen könnten langfristig zur Verbesserung der Situation im Altenpflegebereich beitragen.

Im Übrigen ist auch in der Bundesrepublik Deutschland die Diskussion um die „neuen“ Zielgruppen und die Verletzung von Grundrechten von pflegebedürftigen Menschen hoch aktuell. Ein Dialog über die Chancen und Risiken des Alterns in unserer globalisierten Welt kann bereichernd für alle Beteiligten sein.

Auftraggeber
Aufgabe
Problemstellung
Vorgehen/Methode
Ausgewählte Ergebnisse
 
 
Projektzeitraum:
November 2004 – Dezember 2004

Durchführung:
Prof. Dr. Olivia Dibelius

Veröffentlichung:
Dibelius, O. (2005): Alt werden und sein in Zimbabwe/Afrika. In: Pflege Aktuell (März), 163-167.
Dibelius, O. (2006): Koloniales Erbe. In: Altenpflege (Mai) (31. Jhrg.), 34-36.
Dibelius, O. & Uzarewicz, C (2006): Pflege von Menschen höherer Lebensalter. Kohlhammer: Stuttgart